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Erste Texte...

so ähnlich oder auch ganz anders könnte auch Ihr Beitrag hier stehen...
"pflegende!schreiben" startete mit ersten Aktivitäten Ende Mai / Anfang Juni 2018.
Hier lesen Sie die ersten Beiträge. Machen Sie mit...?!

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"Verse machen, das tut gut, das bewegt mir so das Blut."
Alzheimer und sprachliche Kreativität
von Renate Leonhardt aus Bonn

Als ich meinen Mann einmal fragte, warum er ständig neue Verse erfände, antwortete er mit obigem Vers. Ich brauche Bewegung / und geistige Regung hatte er früher schon festgestellt.
Die Beschäftigung mit Sprache und Literatur gehörte zu seinem Beruf, und immer schon hatte er Spaß an Sprachwitz, Humor, pointiertem Ausdruck.
Mit Beginn der Krankheit zeigte sich dann aber ein besonders ausgeprägtes Interesse am produktiven Umgang mit Sprache, an Verdrehungen der Wortbedeutungen, Vermischung von Akustischem und Geschriebenem, Verwechseln von konkreter und übertragener Bedeutung, usw.
Da mich Witz und Humor, aber auch oft Tiefsinniges und Trauriges in diesen Texten fasziniert, amüsiert, auch berührt, habe ich versucht, möglichst viele davon aufzuschreiben.
Weiterlesen... hier

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Karl Heinz Elsner

Karl-Heinz Elsner aus Swisttal möchte anderen pflegenden Angehörigen Mutmachen und sie ehrenamtlich begleiten. Kontaktinfos

Sonntag, 02.07.2017
Die Begrüßung war: „Ich springe von der Brücke!“ Dann aber lagen wir uns doch in den Armen und haben uns geküsst. „Komm, wir gehen eine Zigarette rauchen!“ Im Garten sagte sie zu mir: „Ich bin schon 10x hier rum gelaufen.“ Als wir auf einer Bank saßen und rauchten, meinte sie: „Für dich ist es ganz schön Scheiße so allein, nicht? Gestern Abend, als du gefahren bist, habe ich gedacht, du fährst zu einer anderen Frau.“ Sie hat es also vergessen, wie ich abgehauen bin. Vielleicht sollte ich mir dann doch nicht so viele Gedanken machen…! Wir sind eine große Runde um den Block spazieren gegangen. „Lass uns zum Kaufhof fahren.“ – „Heute ist Sonntag, alles zu.“ – „Na gut, dann nächste Woche.“ Im Zimmer sagte sie, dass gestern Abend wieder ein dicker Mann in ihrem Bett gelegen hat. „Der macht mir Angst!“ Ich habe eine CD aufgelegt, und wir haben uns aufs Bett gelegt. Sie will, wie jeden Tag, die Jeans und das T-Shirt ausziehen, aber ich kann sie davon abhalten. Als sie dann mal aufs Klo muss, macht sie die Zimmertür auf. „Ich krieg die Tür nicht auf, du musst mir helfen!“ Das war mir schon gestern aufgefallen. Sie hat vergessen, dass die Tür eine Schiebetür ist!! „Wann musst du denn wieder fahren?“ – „Mal sehen.“ – „Musst du fahren, oder hast du frei? Dann bleib noch was.“ Als ich sie dann um 12:00 in den Speiseraum gebracht habe, habe ich wieder die Ausrede gebraucht, dass ich draußen eine Zigarette rauchen gehe – und bin gefahren…

Donnerstag, 16.08.2018
Mir war danach – und ich bin gefahren. In letzter Zeit ist Angelika ganz lieb, deswegen wollte ich zu ihr.
Sie lief auf dem Flur entlang, freute sich, als sie mich sah. „Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst. Ich bin so glücklich!“ Da sie wieder einen Pullover trug, habe ich den erst einmal gegen ein T-Shirt umgetauscht, weil es heute wieder einmal ziemlich warm war (30°). Wir sind spazieren gegangen. Dabei hat sie wieder viel ´geredet´, ich habe kaum etwas verstanden. Anschließend waren wir Eis essen. Sie sah mich an, lächelte und meinte „Toll!“ Wir haben uns danach noch in den Strandkorb gesetzt. „Ich liebe dich“ und „Mein lieber Schatz“ – das sagte sie 2x. „Es ist so schön mit dir, du bist so lieb.“ Ich habe ihre Worte genossen. Ich habe sie gestreichelt, was sie sehr genoss. Zum Kaffee habe ich sie dann gebracht und bin gefahren.

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Abgehängt – das Leben ist ungerecht!

Aus dem Gleichgewicht
Schaue in aufgerissene ratlose Augen
Höre nicht gesagte Worte
Spüre gefangenen Körper
Rieche ANGST
Und ich
Versuche zu ATMEN

Amelie Flow, Bonn
Zu einem ausführlichen Text gelangen Sie hier

Logo Veit Beck

"Wie das denn funktionieren soll, können Sie mir sicher auch nicht erklären. Ruhig zu bleiben, wenn um 5:30 Uhr in der Früh das Telefon klingelt, Sie schlaftrunken abheben, sich melden und die Stimme der Nachbarin ihrer kränkelnden Mutter hören.
Auch wenn der erste Satz lautet: „Sie müssen sich keine Sorgen machen.“ Das klappt nicht, Sie erschrecken und machen sich Sorgen.
Meine Mutter Marianne war, so der Bericht der Nachbarin, im oder auf dem Weg in das Krankenhaus. Offenbar war sie in der Nacht gestürzt, konnte nicht mehr aufstehen, hatte sich aber irgendwie bemerkbar machen können, ob durch Betätigung ihres Hausnotrufes, durch Klopfen oder Rufen, habe ich bis heute nicht in Erfahrung bringen können. Jedenfalls war die Nachbarin, die auch sonst häufig nach meiner Mutter sieht, durch Lärm im Treppenhaus geweckt worden, hatte sich zur Wohnung meiner Mutter, gleiche Etage, nur rechts begeben und dort Polizei, Feuerwehr, Sanitäter, zwei Angestellte des Pflegedienstes und den Nachbarn, der unter der Wohnung meiner Mutter wohnt vorgefunden. Meine Mutter lag schon auf der Trage der Sanitäter, war aber ansprechbar und klagte über Schmerzen am rechten Arm. Das waren die Informationen derentwegen ich mir keine Sorgen machen sollte.
„Ich bin so gut wie unterwegs und vielen Dank für die Benachrichtigung“, entgegnete ich und beendete das Telefonat.

Auszug aus Irrfahrt mit System von Veit Beck. Weiter geht es hier

"Kunden, ihr müsst ewig leben! - Erfahrungen im Reanimationsteam"

Als Intensivpfleger bin ich öfters Teil des Reanimationsteams, das aus einem Intensivarzt und einer Pflegekraft besteht.
Eine Kollegin von einer peripheren Station alarmiert das Rea-Team. Der Arzt und ich sprinten mit der Notfallausrüstung los. Ich weiß, dass ich in den nächsten Minuten sehr wahrscheinlich in einer Situation stehen werde, die ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann.
Die Tür des Patientenzimmers steht offen. Am Bett stehen der Stationsarzt und Schwestern, die bereits mit Reanimationsmaßnahmen begonnen haben.
Die Patientin, eine etwa 82jährige Frau, gewindelt, Dauerkatheter, augenscheinlich ein Pflegefall mit schwerer Grunderkrankung, die soeben ein Herz-Kreislaufversagen entwickelt hat, die also in die Sterbephase eingetreten ist.
Ich verdrehe die Augen, schreie :"Verdammter Irrsinn!! Seid ihr noch zu retten?!" Ich lasse mir eine Waschschüssel reichen, um meine Hände in Unschuld zu waschen...
Das alles natürlich nur in Gedanken. Ich bin Profi, ich übernehme die Herzdruckmassage. Viel Erfahrung, auch Fingerspitzengefühl. Trotzdem spüre ich, dass ich Rippen breche. Der Thorax der hochbetagten Patientin ist zu rigide.
Der Intensivarzt fragt nach einer Patientenverfügung. Gibt es nicht. Die wenigsten der heute 80jährigen bringen eine mit.
Ich weise dezent auf die Fragwürdigkeit der Wiederbelebungsmaßnahmen hin. Ärztliche Entscheidung, eine juristische Grauzone. Der Wunsch der Angehörigen hat hohe Priorität.
Die Stationsärztin erreicht die Tochter: "Bitte alles machen!"
Angehörige sind meist überfordert, möchten sich nichts vorwerfen müssen.
Das Rea-Team war "erfolgreich". Auf der Intensivstation wird die Patientin ans Beatmungsgerät angeschlossen, Keislaufmedikamente hoch dosiert.
Angehörigen-Gespräch, Information über die schwere Grunderkrankung und die infauste Prognose. Übereinkunft, die Therapie nicht mehr zu steigern und kein zweites Mal zu reanimieren.
Nach 14 Tagen verstirbt die Patientin.
Jedes Mal wenn das Rea-Telefon klingelt, weiß ich, dass neun von zehn Fällen nach diesem Schema ablaufen.
Wir trainieren in neun Situationen für die zehnte, in der z.B. ein jüngerer Infarktpatient ein Kammerflimmern entwickelt.
Wir retten diesen Patienten. Wir sind ein gut trainiertes Team.
                                                                               anonym

Wenn du noch einmal leben würdest Mama und Papa

Liebe Mama lieber Papa
Wenn du noch einmal leben würdest, dann würde ich dir eine Zeitung abonnieren auf die du dich freuen würdest einmal in der Woche ein Heft mit Rätseln und Kochrezepten
Wenn du noch einmal leben würdest, dann würde ich dich jeden Samstag in das Cafe holen und mit dir sprechen, dir von meinem Leben erzählen und von deinen nicht gelebten Träumen erfahren wollen
Wollte wissen, warum du so traurig warst und warum du nie darüber gesprochen hast, dass du auch Kummer und Sorgen hattest
Wenn du noch einmal leben würdest, wäre ich mit Euch nach Kanada geflogen und hätte eine kleine Reise mit Euch gemacht
Wenn du noch einmal leben würdest, dann hätte ich Euch jede Woche Blumen geschickt
Wenn du noch einmal leben würdest , hätte ich dir eine Spülmaschine gekauft
In deiner alten Küche
Jeden Pfennig hast du für uns weggelegt
Du warst so traurig über die Polin, die dich schlecht versorgte und du warst so traurig, dass keiner deiner 5 Kinder wirklich an deinen Sorgen Anteil nahm
Mama du hast sovieles alleine ausgemacht und wolltest niemanden belasten
Ich war feige, und habe dich nie gefragt nach deinen Sorgen , nach deinem Leid
Du warst immer für uns da hast du uns alles gegeben, wie traurig warst du, als du nicht mehr kochen konntest , als du leer und krank warst , keiner hat dich getröstet , keiner sagte dir Dank
Wenn du noch einmal leben würdest, würde ich dir dein Altsein und deinen Kräfteverlust glauben, den ich verdrängte
Ich sah dich immer nur als funktionierende Mutter und wollte dein Altwerden nicht begreifen
Keiner sagte dir, Mama du warst das Beste in meinem Leben und das warst du für uns alle

             DANKE für alles deine Tochter Magrit

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Meine Mutter
Meine Mutter war immer ein starke, souveräne und selbstbewusste Frau. Sie wusste immer, wo es lang geht und was zu tun war. Damit gab sie uns Orientierung und Sicherheit.
Wenn Sie heute manchmal hinter mir her tippelt, könnte ich sie anherrschen: „geh doch vernünftig!“
Doch dann wird mir schmerzlich bewusst, dass ich es nicht aufhalten kann. Nicht bei ihr und nicht bei mir.
Hoffentlich werde ich ihr immer gerecht.

                                                                               H.T. aus L.

"Bei der Beerdigung der Mutter einer Freundin las ich vor Jahren in dem kleinen gedruckten Blättchen, welches am Ausgang zum Erinnern an die Verstorbene ausgeteilt wurde, einen Satz, der in mir haften geblieben ist: „Sie litt an der Krankheit des Vergessens“. Mich hat das damals sehr bewegt. Hier war mal nicht von Demenz die Rede, einem ja eher medizinischen Begriff. Es trifft die Sache wohl recht gut, macht das Vergessen menschlicher. Meine Mutter wird zunehmend tüddelig, wie man bei uns so schön sagt. Ich glaube, wir haben einen beschwerlichen Weg vor uns. Dieser Satz aus dem Andenkenzettel hilft mir, die auf uns zukommende Situation besser anzunehmen. Aber ich weiß, es wird schwer. Gut zu wissen, dass ich als Angehöriger auf Hilfen zurückgreifen kann. Vielleicht raffe ich mich auf, das, was kommt, in einem Tagebuch festzuhalten. Danke für die Anregung zu schreiben. Ich glaube, auch mein Leben wird sich in Bälde verändern."
H.W., Much